
Ausgewählter Beitrag
Inzest zerstört
Dipl. Psych. Herbert Bachler
Als Psychotherapeut habe ich es bei Inzest häufig mit dem Kriterium des Missbrauchs zu tun. Missbrauch findet statt, wenn ein Mensch aus einer Machtposition heraus die Abhängigkeit eines anderen ausnutzt und damit versucht, sich selbst zu erhöhen, seinen Selbstwert zu stabilisieren, und seinen narzisstischen Selbstwert zu stärken. Die Auswirkungen von Missbrauch sind weitreichend und langfristig und selbstverständlich spricht man nicht nur bei Inzest von Missbrauch.
Das Erleben von Vater oder Mutter entspricht psychologischen Grundmustern und Bedürfnissen und dieses Erleben ist kein sexuelles, die Eltern und Geschwister sind keine Sexualpartner. Wenn ein Kind das dennoch erlebt, wird die Beziehung zu Vater und Mutter nachhaltig gestört, und damit Grundvertrauen, Sicherheit und seelische Nähe. Das Erleben von Nähe hat viel mit Vertrauen und Sicherheit zu tun und der Missbrauch dessen hat fatale negative Folgen.
Auch wenn ein Kind seinen Wunsch nach intensiver Nähe scheinbar „sexuell“ zum Ausdruck bring, liegt es am Erwachsenen, das richtig zu definieren, das richtig zu verstehen, und zwar nicht als sexuelle Annäherung eines Gleichberechtigten. Auch der Wunsch des Kindes seinen Körper zu entdecken darf keinesfalls missinterpretiert werden. Kinder haben keinen seelischen oder bewussten Wunsch nach Sexualität, sexuelles Verhalten eines Kindes ist sozusagen reiner Körperausdruck. Ein Erwachsener muss sich der Abhängigkeit und Verantwortung bewusst sein, die emotionale Bedürftigkeit ist hierbei immer ein Hinweis auf Abhängigkeit – auch wenn es sich nicht um eine Eltern-Kind-Beziehung handelt.
Spätere Reaktionen des Opfers auf Missbrauch sind Schuld, Scham, Trauer, Wut, Misstrauen, Depression, Furcht, Ambivalenz und Konfusion, also der Verlust des Unterscheidungsvermögens, welche Beziehung stattfindet. Abhängige empfinden sich häufig als Opfer aber auch als Täter und haben oft lebenslange Schuldgefühle. Manchmal beginnt das Opfer den Täter auch zu idealisieren, als Selbstschutz, um nicht mehr Opfer zu sein, und damit das Geschehene leichter ertragen zu können. Das wiederum bestärkt den narzisstischen Täter. Ein Opfer möchte manchmal deshalb auch den Täter, sein idealisiertes Vorbild, nicht aufdecken. In der Therapie kann und muss der Täter auch als Opfer seiner eigenen Probleme wahrgenommen werden, häufig ist er in seiner Biografie selbst direktes Opfer eines Missbrauchs. Allerdings bleibt er immer Täter in bezug auf sein Opfer.
Missbrauch wird sehr oft mit Verharmlosungen und kognitiven Verdrehungen gerechtfertigt (er/sie hat sich angeboten), aber es liegt in der Verantwortung des Erwachsenen jeden scheinbaren Wunsch richtig zu interpretieren. Ein emotional abhängiger Mensch, der sich vertrauensvoll öffnet, ist für das Selbstwertgefühl des anderen natürlich angenehm, aber niemals Grund, um die Macht aus dieser Abhängigkeit zu missbrauchen und für sich daraus sexuelle Handlungen zu rechtfertigen.
Auch
das Erleben von Sexualität reduziert auf den Körper, ohne das Seelische
einzubeziehen, ist eine Haltung aus der heraus sich viele
Rechtfertigungen für Inzest ableiten lassen, nach dem Motto „wenn alle
ihren Spaß haben, wo ist das Problem?“.
Dipl. Psych. Herbert Bachler
Schloßbergstr. 2a
82319 Starnberg
Tel: 08151-2005
hbachler@t-online.de





Der Unterschied verwandtschaftlicher und sexueller Beziehungen
Familiensoziologe Prof. Dr. Horst Helle,Das Tabu des Geschlechtsverkehrs mit Verwandten, das Inzesttabu, bestand zu allen Zeiten in allen Kulturen, auch wenn manchmal anderes behauptet wird. Wer miteinander verwandt ist, bestimmt dabei der jeweilige Kulturkontext. So gibt es Kulturen, in denen sowohl Vater als auch Mutter die Verwandtschaft bestimmen und es gibt Kulturen, in denen der Vater als nicht verwandt festlegt wird. In Ägypten etwa hatte der Pharao Gottzustand, deshalb konnte er mit Schwestern und Töchtern schlafen und Nachkommen zeugen, ohne Inzest zu begehen, denn er war im kulturellen Verständnis nicht verwandt. Als dieser Gottzustand aufgehoben wurde, war etwa eine Generation lang das Inzesttabu allgemein in der damaligen Gesellschaft aufgehoben. Aber das änderte sich dann sofort wieder.
Das Inzesttabu ist ein Urphänomen, und es ist eine Urerfahrung, dass der Sexualpartner von einer anderen, als der eigenen Gruppe kommt. Um Konkurrenzverhalten und Streitigkeiten zu vermeiden und die eigene Gruppe nicht zu schwächen, fand Sex immer über die Gruppengrenze hinweg statt. Solidarität unter Männern etwa war ein Pakt gegen die Sexualrivalität. Diese fern zu halten war nötig, weil der Einzelne nicht überleben konnte.
Das Erleben von Verwandtschaft wiederum hängt von diesem Tabu ab. Verwandt ist dabei, mit wem ich das Inzesttabu beachte. Verwandtschaft wird man nicht los, man kann sich immer auf ihre Hilfe berufen, es ist die „letztendliche Sozialversicherung“. Sexuelle Beziehungen hingegen sind nachhaltig zu lösen und zu beenden. Da eine sexuelle Beziehung eine Ausschließlichkeit erzeugt, löscht sie immer die anderen Beziehungen aus. Somit hebt, wer Inzest begeht, seine verwandtschaftlichen Beziehungen auf. Das ist für die soziale Gesundheit eines Menschen katastrophal. Umgekehrt lässt das sexuelle Interesse nach, wenn in einer Beziehung ein verwandtschaftliches Verhältnis erlebt wird, etwa bei großem Altersunterschied ein Vater-Tochter-Verhältnis. Ein Mensch empfindet für einen Menschen, mit dem er sich verwandt fühlt, keine sexuellen Gefühle.
Die
heutigen Kleinstfamilien sind insofern inzestgefährdeter, als sie nicht
mehr das Gruppen- bzw. Verwandtschaftsgefühl vermitteln. Wo ich keine
Verwandtschaft erlebe, liegt Inzest näher.




Verständigung über Pädophilie
Von Professor Dr. Gerhard Amendt
Während
pädophile Vergehen verurteilt werden, können diese Unzuchtshandlungen
sogar verharmlost und propagiert werden. Solche Versuche sind
hinlänglich bekannt von Lobbygruppen pädophiler Organisationen. Es
fehlt nicht einmal an einem Versuch, Pädophilie auch wissenschaftlich
als humane, ethisch unbedenkliche Sexualform zu begründen. So wurde
1995 unter dem eindeutigen Buchtitel "Die Lust am Kind" versucht, auch
der Pädophilie den Stempel der ethischen Unbedenklichkeit aufzudrücken.
Paradoxerweise scheint es gerade in der Zeit sexualpolitischer
Liberalisierung wie auch der werbepsychologischen Ausbeutung von
prekären Wünschen zu konfusen Ansichten darüber gekommen zu sein, was
für Kinder gut ist und was nicht. Immer mehr Menschen orientieren sich
offenbar nur noch am Strafrecht, wenn sie zwischen zulässigen und
unzulässigen Handlungen an und mit Kindern unterscheiden wollen. Das
ist immer dann der Fall, wenn gerade keine empörende Gewalttätigkeit
das Verpönte wie von selbst definiert. Viele verzichten darauf, sich
über mögliche Grenzüberschreitungen zwischen den Geschlechtern und
Generationen Gedanken zu machen. Die früheren Gewißheiten - sie rührten
aus kultureller und innerer affektiver Sicherheit her, aus dem, was man
Gewissen und Schamgefühl nennt - scheinen immer mehr zu schwinden.
In
diesem Phänomen mag ein beängstigender Verlust an zivilisatorischer
Stabilität im Subjekt zum Ausdruck kommen. Nur führt solch skeptische
Sicht nicht weiter. Die Frage ist vielmehr, ob unverblümte Aufrufe zur
Unzucht mit Kindern gemäß Paragraph 176 Strafgesetzbuch bislang nur
deshalb so unbehelligt kursieren, weil es inzwischen in der
Gesellschaft schwierig geworden ist, zwischen sexuellem und
desexualisiertem - eben zärtlichem - Verhalten zu unterscheiden.
Enttabuisierung pathologischer Sexualität.
Das
einzig überzeugende Kriterium, um zwischen Zärtlichkeit und kindlicher
Sexualisierung zu unterscheiden, ist die Förderung der Entwicklung des
Kindes. Diese Grenzziehung scheint als einzige noch weithin
zustimmungsfähig zu sein und hinreichend mobilisieren zu können, um
gegen inzestartige Entgrenzungen - wie in den verschiedenen
Pädophilieformen - vorzugehen. Wie aber konnte die pädophile
Aufbruchseuphorie überhaupt aus kriterienloser sexueller
Liberalisierung hervorgehen?
Der
Status der Kindheit hat sich verändert. Weil die Zahl der Scheidungen,
der Wiederverheiratungen und der abermals ledigen Erzieher zunimmt,
entgleitet der Schutz der Kinder immer mehr dem Verwandtschaftssystem.
An die Stelle der Familie tritt der Staat, oder Entscheidungen werden
in halbstaatliche Beratungseinrichtungen ausgelagert.
Pervers-pathologische
Sexualität wird zusehends enttabuisiert. Techniken der Marktpsychologie
dienen dazu, das Perverse in Käufermotivationen umzuwandeln. Die Frage,
wie pervers-pathologische Charakterstörungen lebensgeschichtlich
entstehen konnten, rückt damit immer mehr in den Hintergrund; die
individuelle sexuelle Identitätsbildung steht somit ohne familien- und
kulturgeschichtliche Vorläufer da. So wird auch die Pädophilie als
perverse Charakterstörung nicht mehr als das Ende einer schwer
schädigenden Vorgeschichte gesehen. Statt dessen wird das perverse
Schicksal als Lebensstilvariante betrachtet. Ob Perversion als
Kindheitsschicksal vermieden werden kann, ist dann kein Thema mehr.
Der
Verzicht auf diese Blickrichtung macht nicht nur blind für das
bedrückende Los der Perversen selbst. Er macht auch blind für die
Kinder, die Pädophile sich gewalttätig oder manipulativ unterwerfen.
Eine Perversion ist ja nicht deshalb anormal, weil sie verurteilt wird.
Sie ist anormal, weil sie ein Entwicklungsdefizit in der Persönlichkeit
darstellt. Einige Verirrungen werden nicht mehr verfolgt, weil sie
Dritte nicht schädigen, andere hingegen weiterhin, weil sie - wie auch
die Pädophilie in ihrer homosexuellen Variante - Kinder schädigen.
Andrew
Jarecki hat im vergangenen Jahr den Prozeß von sexueller Verwahrlosung,
von Geschwisterinzest, Homosexualität, Pädophilie und
Beziehungslosigkeit über drei Generationen in dem dokumentarischen Film
"Capturing the Friedmanns" aus familiengeschichtlicher Perspektive
beschrieben. Auch die Übergriffe einiger katholischer Priester auf
Jungen, wie sie in den Vereinigten Staaten bekanntgeworden sind, weisen
auf die pädophile Variante der Homosexualität hin. Die Geistlichen
bewegten sich zumeist innerhalb des hermetisch verschlungenen Netzes
von Pädophilen in Verbindung mit schwul-lesbischen Organisationen - bei
erstaunlicher Blindheit der Kirchengemeinden gegenüber den Umtrieben
einiger Kleriker.
Daß
trotz des zerstörerischen Charakters der Pädophilie versucht wird, sie
als ethisch tragbare Sexualität zu begründen, liegt an der Debatte über
sexuellen Mißbrauch, wie sie seit etwa zwanzig Jahren geführt wird.
Diese Debatte war und ist noch immer auf Gewalt fixiert, auf das, was
Wunden, gebrochene Rippen oder Hautabschürfungen sichtbar zur Folge
hat. Auch die Öffentlichkeit, der einzelne und die "Gewaltwissenschaft"
interessieren sich für Gewalt. Aus ihr zieht die Mißbrauchsdebatte noch
heute ihre mobilisierende Wirkung.
Wenn
aber die Gewalttätigkeit gering ist oder gänzlich fehlt, schwindet die
Identifikation mit den Kindern merklich. Die Einfühlung in kindliche
Erlebnisse mit perversen Erwachsenen scheint deshalb weniger auf der
Identifizierung mit seelischen Erlebnissen zu beruhen, also auf dem,
was mit ihnen geschieht, wenn sie in das sexuelle Begehren Erwachsener
hineingezogen werden. Es kommt auf die Bilder an, die sich die
Öffentlichkeit über die damit verbundene Gewalt macht. Was unmittelbar
entsetzt, hat Vorrang vor der Glücks- und Beziehungsunfähigkeit der
Kinder, die früher oder später einsetzt - ganz zu schweigen von dem,
was man den unbewußten Wiederholungszwang nennt, die "schicksalhafte
Weitergabe" der sexuellen Destruktivität an die nächste Generation.
Diese
mangelhafte Empathie herrschte in vielen feministisch orientierten
Hilfeeinrichtungen für sexuell Belästigte vor. Als Leid und Verletzung
galt nur, was den plakativen Vorstellungen einer polarisierten Welt von
männlichen Tätern und weiblichen Opfern entsprach. Schließlich geht
alle Gewalt vom Mann aus, und ohne seine Gewaltspuren ist Solidarität
nicht zu haben. Oder: Nicht schon die sexuelle Verführung schädigt,
sondern allein die Gewalt der Männer. Deshalb gab es lange Zeit keine
mißbrauchten Jungen.
Diese
Trivialisierung der sexuellen Verführung und der Mangel an Empathie
selber stimmen zum Teil mit der Agitation von Pädophilen überein.
Überdies ähnelt das überragende Interesse an der Gewaltförmigkeit
sexueller Handlungen den Rechtfertigungsversuchen von
Sexualstraftätern. Vor ihren Richtern versuchen sie sich mit dem
Hinweis zu entlasten, daß sie den Kindern nicht weh getan hätten, daß
die Kinder "es gewollt" hätten und daß keine Narben geblieben seien.
Diese Argumentation ähnelt der weitverbreiteten Vorstellung, daß
Eltern, die nicht prügeln, bereits hinreichend gute Eltern seien. Oder
der plumpen Überzeugung: Nicht die Verführung schädigt, sondern die
Gewalt.
Es
ist typisch für Pädophile, daß sie sich dem Kind geduldig abwartend
unterwerfen und zugleich mit sanftmütiger Zudringlichkeit ihre sexuelle
Befriedigung verfolgen. Der verhalten aggressiven Zudringlichkeit fehlt
das Gefühl der Schuld und des Übergriffigen, je mehr sie sich an das
ausgespähte Kind bindet. Da die Übergänge zwischen den scharf
auseinandertretenden Welten von Pseudozärtlichkeit und Aggressivität
unkontrollierbar sind, ist es psychodiagnostisch schwer, zwischen
"harmloser" und gefährlicher Pädophilie zu trennen. Denn auch die
zuwartenden Pädophilen verharren nicht aus edler Gesinnung, sondern aus
einer tiefen Angst, die gnadenlos auf sexuelle Reaktionen im Kind
wartet.
Um
den ethischen Charakter pädophiler Übergriffe zu begründen, wird in der
Propaganda zwischen "guter echter" und "böser unechter Pädophilie"
unterschieden. Drei Typen werden vorgestellt: pädophile Täter, die
Kinder lieben und in eine sexuelle Beziehung ohne Gewalttätigkeit
einführen, dann Ersatzobjekt-Täter, die sich Kinder nehmen, weil sie
erwachsener Sexualbeziehungen nicht fähig sind, und drittens
aggressiv-sadistische Täter, die gewalttätig ihr sexuelles Begehren
verfolgen. Für Kinder hingegen ist das vermeintlich Gewaltfreie
grundsätzlich nichts anderes als das Gewalttätige. Wird allein anhand
des Merkmals Gewalttätigkeit, die körperlich überwältigt und kindliche
Gegenwehr überwindet, die Frage entschieden, ob Säuglinge, Vierjährige,
Kinder und Pubertierende durch pädophile Akte geschädigt werden oder
nicht? Im Hinblick auf die Interessen der Kinder aber ist die
Unterscheidung zwischen Gewalt und Gewaltfreiheit gänzlich unerheblich.
Jede Form der Pädophilie überschreitet die Grenze zwischen Erwachsenen
und Kindern. Die Gewalttätigkeit verleiht dem kindlichen Erlebnis "nur"
eine zusätzliche Dimension des Schreckens, macht alles noch schlimmer,
als es ohne Gewalt schon ist.
So
fragen pädophil identifizierte Wissenschaftler scheinheilig, nachdem
sie sich von den Gewalttätigen taktisch distanziert haben, ob die
Sexualskripte eines Mannes und eines Kindes trotz ihrer Inkongruenz so
zusammenwirken können, daß sich daraus eine "stimmige Situation"
ergibt. Die "stimmige Situation" - die Sexualverkehr meint - wird
herbeidefiniert, indem "harmlose, nämlich gewaltlose Pädophilie" von
Inzest, Mißbrauch und Gewalttätigkeit abgegrenzt wird. Angesichts des
typischen pädophilen Empathiemangels für Kinder fällt die Erklärung
erwartungsgemäß simpel aus. Weil sexuelle Kontakte von Pädophilen und
Kindern außerhalb der Familie stattfänden, seien sie harmlos: Sie seien
keine Ersatzhandlungen und beruhten nicht auf Gewalt als Selbstzweck.
Fetisch Gewalttätigkeit.
Aber
auch sexuelle Übergriffe und Inzest setzen Gewalt nie als Selbstzweck
ein, denn sie sind immer wesentlicher Teil der Triebbefriedigung. Wenn
der Fetisch Gewalttätigkeit beiseite gelassen wird, bleibt die einfache
Frage übrig: Was ist das Förderliche, wenn ein Erwachsener mit einem
Kind sexuelle Handlungen begeht? Noch deutlicher: Was hat der Penis
eines erwachsenen Mannes in oder an der Vagina einer oder dem Anus
eines Vierjährigen zu suchen; welche Vorteile hat es für ein kleines
Mädchen oder einen Jungen, wenn es oder er einen erwachsenen Mann
masturbiert oder sich masturbieren läßt oder unter Rücksicht auf die
anatomisch bedingte Schmerzgrenze "gewaltlos" penetriert wird? Und was
hat es schließlich mit der Behauptung auf sich, daß Pädophilie nichts
mit Inzest zu tun habe, weil die fraglichen Handlungen nicht unter
Familienmitgliedern stattfänden?
Dieser
Selbsttäuschung ist entgegenzuhalten, daß pädophile Handlungen sehr
wohl am Ort und in der Atmosphäre von Familien stattfinden. Das ist
sogar normal, denn Pädophile greifen auf Säuglinge und Kleinkinder in
der Regel im Schutz der ihnen gewährten Familiennähe zu. Das gilt auch
noch dann, wenn die Kinder bereits in die Schule gehen, und das ändert
sich grundsätzlich auch dann nicht, wenn sie in die Pubertät eintreten.
Es
kommt gerade nicht auf die Familie als geographischen Ort an.
Entscheidend ist vielmehr, daß das familiäre Leben die alles
beherrschende Atmosphäre der Kinder ist. In der Familie entfalten sie
ihre Emotionalität, und in der Spannung zu ihren Eltern erwachen ihre
phasenspezifischen sexuellen Phantasien. Von altersbedingten Akzenten
abgesehen, ändert sich an dieser affektiven Gefühlsbindung nichts
Wesentliches, solange die Elternbindung nicht beendet wird. Das gilt
gerade für die unbewußten sexuellen Phantasien. Sie bleiben bis in die
Pubertät auf die Eltern fixiert. Diese Konstellation wandelt sich erst
dann, wenn die Kinder mit der auslaufenden Pubertät ihre sexuellen
Wünsche nach außen richten. Dann verliert die Familie normalerweise in
dieser Hinsicht allmählich an Bedeutung. Die unbewußten sexuellen
Phantasien werden von den Eltern abgezogen, Jungen finden eine
Partnerin und Mädchen einen Partner außerhalb der Familie, mit dem oder
der sie sich erstmals ihre Wünsche nach einer sexuellen Beziehung
erfüllen können. Eltern und Stiefeltern werden durch andere Männer und
Frauen abgelöst, die sozusagen in die Nachfolge der aufgegebenen Eltern
eintreten. Deshalb ähneln die ersten Liebespartner der Kinder so oft
ihrem gegengeschlechtlichen Elternteil.
Der
Weg hinaus ins Leben wird durch die Ablösung von den Eltern erst
möglich und zugleich unumkehrbar. Allein dieser Prozeß ermöglicht
Kultur, Autonomie und die Entstehung von Generationenfolgen. Verfehlt
ein Heranwachsender dieses Ziel zum Teil oder gänzlich, so sind in
einer weiten Streuung und Intensität Beziehungsunfähigkeit, Krankheit,
Verwahrlosung, Asozialität und kulturzerstörerische Tendenzen die Folge.
Die
Pädophilie ist ein Beispiel für die mißlungene Ablösung von den Eltern
- und damit auch für die kulturzerstörerische Wirkung verfehlter
psychischer Erwachsenheit. Für die Pädophilie gilt - wie für alle
anderen Perversionen -, daß sie die Trennung der Geschlechter und die
Andersartigkeit von Eltern und ihren Kindern, eben die
Generationenfolge, psychisch nicht zustande bringt. Alle Erwachsenen
treten, ob sie es wollen oder nicht, den Kindern in der emotionalen
Gefolgschaft der Eltern gegenüber. Erst wenn die Kinder sich mit ihren
Phantasien von den Eltern abwenden, können andere Personen mit ihrer je
eigenen Gefühlswelt als Nichteltern wahrgenommen werden.
Jede
sexuelle Handlung zwischen Erwachsenen und Kindern trägt deshalb bis in
die Pubertät hinein mehr oder weniger ausgeprägt inzestartige Züge. Das
Begehren des Kindes ist von Inzestphantasien beherrscht, und es steht
noch heftig unter deren Herrschaft, wenn der Pädophile als eine
"sexualisierende, quasi versorgende Elternfigur" sie neuerlich entfacht.
Jeder
Erwachsene, der sich Minderjähriger bedient, um seine sexuellen Wünsche
zu befriedigen, steht deshalb in der kindlichen Lebensgeschichte für
die Wiederkehr des unbewußten Begehrens nach den Eltern. So gesehen
verliert die Frage, ob Pädophile Kinder außerhalb oder innerhalb der
Familie verführen, ihre Bedeutung.
Und
so gesehen sind Erfahrungen mit einem Pädophilen für Kinder immer
schädigend. In welcher Art und Weise sie die Glücks- und
Beziehungsfähigkeit der Kinder einschränken, läßt sich nicht
vorhersagen. Nicht jede Erfahrung muß in ein Trauma münden. Aber auch
unterhalb dieser Schwelle sind Schädigungen noch immer so schwer, daß
jedem Übergriff vorgebeugt und jede Zuwiderhandlung verfolgt werden muß.
Wahnhafter Wunsch.
In
der Geschichte der Menschheit gilt der Inzest seit je als
traumatisierende Erfahrung. Auch daher kommt es, daß einige Beziehungen
tiefverwurzelte Vorstellungen und Werte unserer Kultur über Gleichheit
und Selbstbestimmung verletzen: Sexuelle Beziehungen zwischen
Erwachsenen und Kindern zählen dazu. Pädophile hingegen übersehen die
prekär ausgeglichene Geschlechterspannung zwischen Eltern und ihren
Kindern. So können sie das Autonomiepotential, das in der
Eltern-Kind-Beziehung beschlossen ist, nicht wahrnehmen. Sie wollen den
Inzest praktizieren, nachdem viele von ihnen diese Erfahrung in ihrer
Kindheit gegen ihren Willen machen mußten.
Deshalb
wollen sie vor allem den wahnhaften Wunsch nicht aufgeben, alle Orte
dieser Welt zugleich zu beherrschen: Vater, Mutter, Sohn, Tochter,
Gespiele und Lehrer gleichzeitig sein. Dieser Größenvorstellung stehen
Grenzen und Generationenfolgen als Hindernisse entgegen - eben das, was
Kultur ausmacht.
Es
ist das eine, Perversionen als individuelles Schicksal
diskriminierungsfrei zu dulden, solange die Perversion nicht agiert
wird. Etwas gänzlich anderes ist es, Strukturen und Traditionen von
Perversen zerstören zu lassen. So kann Duldung dazu führen, daß das
Selbstbild des Perversen auf die Gesellschaft ausgedehnt wird, etwa
wenn Ehelichkeit und Elternschaft für Homosexuelle gefordert werden
oder wenn Pädophile, obwohl wegen ihrer Schädlichkeit noch nicht einmal
geduldet, in größenwahnhafter Verkennung ihrer Perversion elterliche
Sexualerziehung für sich usurpieren wollen. Der liberale Gestus endet
jedoch dort, wo perverses Verhalten gesellschaftliche Beziehungen
bedroht. In der selektiven Duldung von Perversionen zeigt sich die
Liberalität einer Gesellschaft gegenüber dem Triebschicksal einzelner.
In der kriterienlosen Pervertierung ihrer Traditionen und Strukturen
durch Perverse hingegen zeigt sich die Selbstzerstörung einer
Gesellschaft.
*
Der Verfasser ist emerierter Professor und Direktor des Instituts für
Geschlechter- und Generationenforschung (IGG) an der Universität Bremen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.02.2004, Nr. 38 / Seite 8
Weitergehende Information über Pädophilie:
http://de.wikipedia.org/wiki/P%C3%A4dophilie
05.06.2007, 21.59 TB | PL | einsortiert in: W wie Wissen | Tags: Inzest, Fachleute,
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Ehrgeiz lässt sich in seiner Scheinheiligkeit oft Berufung nennen.
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